
Mundstücke für Klarinetten und Saxophone
der Firma Ernst Schreiber Michelstadt
Oberstes Gebot: gleich bleibende Qualität und Genauigkeit
Günter Gössl
Bei der Entwicklung der Klarinette spielt der „Zweikomponenten-Klangerreger" Mundstück und Blatt eine zentrale Rolle. Bei den altägyptischen Hirteninstrumenten waren Mundstück und Blatt und Instrument eine Einheit. Bei den ersten Klarinetten sind Mundstück und Instrument ein Stück. Das Mundstück war nicht größer als ein modernes Fagottrohr und dazu über die gesamte Länge aufgeschnitten, so dass das Fixieren des Rohrblatts nicht ganz einfach war. Hinzu kam die Unzulänglichkeit des Materials Holz in Verbindung von Feuchtigkeit und Temperatur. Schon bald wird das Mundstück vom Instrument getrennt und eine neue Form gefunden. Es wird mit den verschiedensten Materialien experimentiert, die sich nicht verziehen und einen guten Klang und eine gute Ansprache ermöglichen. Man stellt Mundstücke aus Glas, Porzellan, Marmor, Elfenbein, aus den verschiedensten Holzarten und aus Metall (der Klarinettist Simon Hermstedt, für den Louis Spohr seine Klarinettenkonzerte schrieb, ließ sich Mundstücke aus Silber und Glockengussmetall herstellen): Karl Baermann beschreibt seine Bemühungen im theoretischen Teil seiner Schule. Es gibt Holzmundstücke mit eingelegten Bahnen aus Silber bzw. Neusilber und gegen das „Durchbeißen" metallene Aufbißblättchen, die ins Mundstück eingelassen sind.
Um 1870 gibt es dann die ersten Mundstücke aus Kautschuk (Hartgummi): Große Verdienste erwirbt sich dann vor allem Oskar Oehler u: a, mit seiner „gründlichen" Reform des Klarinettenmundstücks, dessen Erkenntnisse heute noch Gültigkeit haben: In den alten Klarinettenschulen ist vom Schnabel oder, gerade wegen der zentralen Bedeutung vom „Kopf" die Rede. Qualität von' Mundstück und Blatt sind Voraussetzung für eine vollendete Darbietung. Tonvolumen, Tonführung, Tonformung und Tonfärbung, Klangschönheit, selbst der Fluss des technischen Spiels, Intonation und dynamische Gestaltung gelingen nur mit dem „passenden" Mundstück und .Blatt: Mit dem „passenden" Mundstück, lebt dann auch der Alptraum auf: „Mundstücke können verloren; abhanden und kaputt gehen, das Material verschleißt und ermüdet". Mundstücke sind Gebrauchsmaterial und eben diesen Gesetzen unterworfen.
Das Firmenlogo ESM (Ernst Schreiber, Michelstadt) steht für Forschung und Hightech in der Verarbeitung. Im väterlichen Betrieb Schreiber & Söhne in Nauheim erwirbt sich der gelernte Feinmechaniker Ernst Schreiber sein umfangreiches technisches Wissen und Können. An der Technischen Hochschule Darmstadt ist er mit der Konstruktion von Versuchsaufbauten für physikalische Experimente befasst. Improvisation und die Lösung und die technische Umsetzung von Problemen entsprechen seinen Interessen und Neigungen. Von seinem unternehmerischen Ehrgeiz getrieben gründet er dann 1977 mit seiner Familie seinen eigenen Betrieb in Tirol. Zunächst werden mit einigen Mitarbeitern Klarinetten, Oboen und für die Pfeifer der bekannten Baseler Fastnachtsmusik die Piccoloflöten aus Kunststoff oder Holz hergestellt. Nachdem man sich 1981 schon auf Kunststoffmundstücke spezialisiert hatte, wird der Betrieb 1982/83 dann auf die Mundstückfabrikation umgestellt. Die notwendige Vergrößerung des Betriebes war in Österreich nicht möglich, so kam es dann im Herbst 1989 zu kompletten Umsiedlung des Betriebes in den Odenwald nach Michelstadt.
Immer wieder hat er sich mit dem Problem der Unterschiede von Klang und Stimmung innerhalb einer Mundstückserie befasst. Für Ernst Schreiber besteht das Problem hauptsächlich im Ausgangsmaterial und dessen Verarbeitung. Kautschuk oder Hartgummi ist eigentlich eine Art von Kunststoff und besteht aus Latex (Rohgummi), Schwefel und Ruß zum Färben und verschiedenen anderen Materialien, die der Verarbeitung, dem Vulkanisieren dienen. Schon bei der Messung des Mundstückrohlings ergeben sich natürliche Toleranzen, die sich nicht verändern lassen. Der Luftkammerkern schwimmt gegenüber dem Bohrungskern bis zu 0,15 mm. Das ändert sich natürlich auch nicht, nachdem die Außenform gedreht und die Bahn aufgezogen ist.
Das Material für seine Mundstücke ist modifiziertes Acryl, mit ausgezeichneten akustischen Eigenschaften und technischer Qualität. Zudem physiologisch einwandfrei, da sämtliche allergenen Stoffe fehlen und sich nach den heutigen strengen Lebensmittelgesetzen orientieren. Außerdem zeichnen sich diese Mundstücke durch hohe Maßstabilität aus, d. h. keine erwähnenswerten Maßveränderungen bei , Temperaturschwankungen, die Klang und Stimmung beeinträchtigen könnten. In hohem Grade gesundheitsbedenklich ist die Zumischung von Schwermetallen (Quecksilber) und oder Sulfaten, um ein höheres Eigengewicht zu erhalten. Auch hier gibt es die unbedenkliche Alternative - das Mundstückmaterial wird unter immensen Druck hoch verdichtet und man erhält dadurch ein schwereres Mundstück.
Neben Firmenchef Ernst Schreiber sind seine Frau Else, Tochter Cornelia Kinzelmann und Schwiegersohn Paul Kinzelmann im Betrieb tätig. Sein Sohn Thomas ist Holzblasinstrumentenmeister und Betriebswirt des Handwerks, der neben seiner Tätigkeit bei Schreiber & Söhne, Nauheim, hier im elterlichen Betrieb der Computerspezialist ist.
Unter Anwendung aktueller Computertechnik und mit hochpräzisen Maschinen werden die für die Herstellung von Mundstücken verschiedenen Arbeitsgänge ausgeführt. Diese Vorrichtungen sind im Betrieb eigens dafür eingerichtet worden. Die Mundstückrohlinge mit Außenform, Bissschräge und Kammer erhalten die Innenbohrung, verschieden für die unterschiedlichen Klarinettensysteme mit einer Genauigkeit von +/- 0,015 mm. Die Bahn wird mit einer CNC-Bahnfräsmaschine bearbeitet, die mit einem Diamantfräskopf, wie er in der Schweizer Uhrenindustrie verwendet wird, ausgestattet ist. Der Bahnverlauf wird mit einem speziellen Programm computerberechnet. Danach wird der Zapfen abgedreht und die Rillen für die Bekorkung angebracht. Eine eigens konzipierte Maschine fräst die Mundstückspitze am Einlauf auf die ideale Breite von 0,6 mm. Das ist das Maß der Bahnschenkel und gewährleistet eine leichte und sichere Ansprache. Für das „deutsche System" werden mit Spezialmessern zusätzlich die Schnurrillen eingebracht. Nach dem Bekorken der Zapfen und dem Beschriften sind die Mundstücke dann fertig zur Auslieferung.
Eine Vielzahl unterschiedlicher Bahnen für die unterschiedlichen Klarinettensysteme, für Bassklarinette und die gesamte Saxophonfamilie in den verschiedenen Ausführungen werden hier gefertigt.
Außer den Bahnen, die in Zusammenarbeit von international bekannten Musikern entstanden sind, gibt es auch noch die Möglichkeit, sich eine eigene Bahn berechnen und aufziehen zu lassen. Für die Entwicklung neuer Bahnen gibt es im Hause Ernst Schreiber ein speziell entwickeltes Verfahren mit Hilfe von Computern, Bahnen zu prüfen, zu berechnen oder abzutasten, um dann Mundstücke von gleich bleibender Qualität und Genauigkeit wiederholbar herzustellen.
www.esm-mouthpiece.de